SZ, 12.11.2011 07:20
Stummfilmtragödien
'Fenster in der Nacht' in der Kaserne
München - 'Durch Fenster sehen wir die Wahrheit, aber sie trennen uns von der Wirklichkeit', sagte einst Khalil Gibran, libanesischer Dichter und Philosoph. Tatsächlich stecken hinter den Geschichten, die ein Nachbar oder ein Spaziergänger durch das Fenster eines Wohnhauses beobachtet, ganz andere Wirklichkeiten als zunächst angenommen. In ihrem neuen Theaterstück 'Fenster in der Nacht', das auf dem stillgelegten Gelände der Bayernkaserne uraufgeführt wurde, hat Regisseurin Eos Schopohl den quadratischen Glaskasten jetzt in Szene gesetzt: Hinter den Scheiben des Kasernengebäudes stellen die Schauspieler des Ensembles 'Fisch und Plastik' Szenen aus dem Alltag nach. Flucht und Krieg stehen dabei im Mittelpunkt, doch erschließt sich dem Publikum die Thematik erst nach der Pause. Im ersten Akt nimmt der Zuschauer die Rolle eines Voyeurs im Dunkeln ein, amüsiert sich über die Menschen hinter den Fenstern. Er spitzt die Ohren, um mehr als ein paar Wortfetzen zu verstehen.
Schopohl ist bekannt für ihre ständigen Perspektivenwechsel, und so zieht das Publikum von Station zu Station, um sich einen Einblick in alle Zimmer zu verschaffen. Die traditionellen Schranken zwischen Schauspieler und Zuschauer sind aufgehoben. Immer wieder geht in einem neuen Raum das Licht an, in einem anderen aus. Eingebaute Slapstick-Elemente bringen das Publikum zum Lachen, so schüttet zum Beispiel die Muslimin den Inhalt der Bettpfanne aus dem Fenster. Im zweiten Akt werden die Zuschauer durch die einzelnen Zimmer geführt, sie sind menschenleer. Im Hintergrund läuft ein Tonband und spielt die Gespräche ab, die zuvor von außen nicht zu hören waren.
Man schämt sich fast ein wenig für sein Lachen, wenn sich die Tragik der Schicksale offenbart. Die Muslimin berichtet von ihrem Mann, einem Freiheitskämpfer Allahs, wie er angeschossen wurde, und davon, dass auch ihre Kräfte schwinden. Die Journalistin erzählt von amerikanischen Bombenattentaten im Irak und von der Trinkwassernot. Diese versinnbildlicht ein leerer Kanister in ihrem Zimmer. Bühnenbildnerin Lucia Nußbächer versteht es, die passenden Requisiten sparsam einzusetzen. Das Stück erklärt sich allein aus dem zweiten Akt, er gibt dem komischen Stummfilmtheater davor einen Sinn. Melissa Strauch
AZ, 12. 11. 11
Ein Rest von Geheimnis
Kopfkino: „Fenster in der Nacht" in der Bayernkaserne
Wer hat nicht schon mal überlegt, was nachts hinter erleuchteten Fenstern passiert? Regisseurin Eos Schopohl, Spezialistin für ungewöhnliche Theaterprojekte, inszenierte mit ihrem Theater Fisch & Plastik für uns Voyeure ein spannendes Kopfkino. Ihre neue Produktion „Fenster in der Nacht" auf dem Gelände der Ex-Bayernkaserne lässt uns 40 Minuten im Freien durch helle Fenster private Situationen als Stummfilm-Szenen sehen. Was gesprochen wird, hören wir nicht, jeder. muss sich selbst einen Reim darauf machen.
Der erfährt in der zweiten Hälfte oft eine radikale Umdeutung. Dann betreten wir die von den Schauspielern verlassenen Zimmer. Darin hängen die Gespräche und Gedanken als Textschleifen. So entpuppt sich ein vermeintliches Eifersuchtsdrama als Versuch eines Nazi, seine nach Paris geflüchtete Schwester zurückzuholen (nach Remarque). Die Frau am Computer, die ängstlich den Vorhang zuzieht, ist eine irakische Bloggerin. Eine manisch putzende Hausfrau spricht über ihre Depressionen, ein Mann flüchtet, um nicht seine Familie umzubringen (nach Hesse). Eine zwangsverheiratete Afghanin pflegt ihren Mann im Koma, obwohl sie ihn töten möchte. Und eine junge schwarze Asylantin wird von zwei weiteren schwarzen Frauen zur Nutte ab- und hergerichtet.
Die Zuschauer wandern frei von Zimmer zu Zimmer, können reinhören, bleiben oder gehen. Alle (oft authentischen) Schicksale aus verschiedenen Epochen und Kulturen haben mit Flucht zu tun, innerer oder kriegsbedingter. Aber um alle spannenden Geschichten hinter den Bildern aufzunehmen, bräuchte man weit mehr Zeit als am Premierenabend. Das soll sich ändern, verspricht Eos Schopohl. Obwohl es Konzept bleibt, dass man nicht alles erfahren kann.
Gabriella Lorenz
Astrid Martiny
vorn re. Beyram Celik; li.vorn Ercan Öksüz und hi. Emre Akal
li. Iffy Wielsch; re. vorn Funke Konate und hi. Fatima v. Kaehne

vorn re. Fatima v. Kaehne und hi. IffyWielsch

Rainer Haustein

Sebahat Ünal

Bernadette Süthold

Ercan Öksüz
re. Bernadette Süthold li. Bild: re. Arthur Galjandin li. Zora Thiessen

Zora Thiessen, Arthur Galjandin